
Epicentrum Bergen
Formiert geradewegs um Borknagar und deren -mittlerweile übliche-geballte künstlerische Präsenz, die auch mit "Epic" wieder mal des Rezensenten Herzpumpe zum Beben verleitete. Anlässlich dieses Werkes befand sich Oystein G. Brun eines Montags in meiner Leitung, um meinem Informationsdrang so gut es eben ging gerecht zu werden.
Nach fast dreijähriger Rast, haben sich die Norweger endlich zu einem neuerlichen Release entschlossen, der in seiner vollendeten, zart von bisherigen Tonalitäten abschweifenden Art nahelegt, dass man die Ruhepause für sich genutzt hat.
In erster Linie wollten wir ein wenig ausspannen, um Energie für neue Taten zu generieren. Bevor sich unser Tun durch Routinen zu verwässern drohte, zogen wir es vor Abstand zu gewinnen, um uns zum rechten Zeitpunkt wieder neu den Bandgeschicken anzunähern. Mit neuen Perspektiven und Ideen im Gepäck.
Mir scheint der Plan ging auf. "Epic" klingt in unaufdringlicher Weise frisch und ist mehr als je zuvor von den großartigen Einzelleistungen aller Protagonisten geprägt.
In unseren Reihen gibt es wahrlich keine Schwachstelle. Borknagar formt sich aus ausnahmslos fähigen Kräften. Hinzu kommt, wir harmonieren derzeit bestens und beeinflussen uns gegenseitig, weshalb hier und da sich sicher auch Charakteristika überschneiden ...
(er meint bestimmt die Vocals von Vintersorg und das geräucherte, ebenfalls von Solefald bekannte Tastenspiel von Lazare Anm. d. Verf.)
Der Ausdruck Borknagars wächst und gedeiht auf maßvolle und natürliche Weise. Wie ein Baum zeigt man sich fest verwurzelt und treibt doch stetig frische Zweige. Ob sich dahinter ein großer Plan verbirgt, wollte mir Oystein nicht beantworten von meiner Parabel aber ließ er sich zu näheren Ausführungen veranlassen.
Dein Vergleich ehrt mich, gerade weil er zeigt, worauf ich mit Borknagar über die Jahre hinaus gewollt habe: Stetige Weiterentwicklung und Vertiefung bei Beibehaltung des ureigenen Stils. Gerade bei "Epic" haben wir die Extreme zueinander noch weiter zugespitzt, noch vielschichtiger und ausdrucksbreiter komponiert.
Diese Kontinuität wird bisweilen unterstrichen z.b. durch die mehrfach vollzogene einsilbige
Namensgebung oder durch einen Titel wie "Quintessence", der historisch belastet ist.
Es steckt schon ein wenig Absicht hinter derartigen Auffälligkeiten. Die sich teils einfach so ergeben, weil sich die lyrischen Ansätze um ähnliche Themen drehen, die Perspektiven welche sich darauf richten keinen merklichen Wandlungen unterworfen sind. Ich bewege mich musikalisch wie inhaltlich in meinem eigenen Universum, in dem aus der Gegenläufigkeit von Progression und Regression immer wieder neue aber ähnliche Ausdrücke entstehen.
Diese feste Basis war es wohl, die Oystein half den ständigen Line-up-Trubel einigermaßen unversehrt zu überdauern. Dennoch scheint es so als hätte Oystein es nicht allzu eilig einen neuen Bass-Gitarristen ins Team zu holen. Vielleicht weil ihn die vielen Wechsel mürbe gemacht haben?
Derzeit ist kein fester Basser im Gespräch. Ich möchte den gesunden Vibe zwischen mir und den anderen keinesfalls durch eine Neueingliederung gefährden. Außerdem hat Asgeir im Studio an dieser Position erstklassige Arbeit geleistet, weswegen ich gegenwärtig keine Dringlichkeit in dieser Personalentscheidung sehe.
In Interviews lobst du den gen Dimmu Borgir ausgeschiedenen Simen in den höchsten Tönen. Denkst du auch, dass sein Talent bei Dimmu Borgir schändlich verkümmert?
Eins vorweg, ich respektiere seine damalige Entscheidung, stimme letztlich aber auch mit deiner Einschätzung überein. Simen bzw. ICS Vortex (so nannte sich der Ausnahmesänger bei Borknagar Anm. d. Verf.) ist ein riesiges Stimmtalent. Er hat das Potenzial die Mengen zu bannen, ein Star zu sein. Stattdessen hat er sich dafür entschieden bei Dimmu Borgir zu spielen und damit Geld zu verdienen, was ihn nach eigenen Aussagen zufrieden stellt.
Spielt der aktuelle Albumtitel eigentlich auf die musikalische oder die ursprüngliche literarische Konnotation an?
Eher auf die musikalische. Im Vorfeld zerbrachen wir uns die Köpfe darüber, wie wir das kommende Werk denn nennen könnten. Irgendwann kam die Begrifflichkeit dann auf und wir beschlossen diese irgendwie naheliegende, sehr passende wenn auch inhaltlich nicht weiter beziehbare Vokabel als Titel einzusetzen.
Soweit mir die Titel Aufschlüsse ermöglichen, scheinen zwei Themenstränge sich durch das Textgut zu schlängeln. Stücke wie "Traveller", "Origin" und "Cyclus" scheinen Entwicklung und Bewegung darzustellen, andere wie "Relate" scheinen um Denkmuster zu kreisen.
Du liegst mit deinen Vermutungen recht nah. Uns ist generell daran gelegen, Gedanken anzustoßen. Mittels existenzialistischen Fragestellungen oder philosophischen Überlegungen. Bewegung spielt in übergeordneten Kontexten eine große Rolle, weil sie das Leben zeichnet. Du wirst um zu vergehen, du erklimmst um zu stürzen. Unsere Texte sollen die Hörer bereichern, der Reiz soll nicht allein von der gebotenen Musik ausgehen.
Qualität wohin man hört und blickt. Es mag töricht erscheinen nach Schwachpunkten Ausschau zu halten. Fast noch schwieriger dürfte es für den Schöpfenden hingegen sein, zu definieren was ihn am eigenen Werk zumeist betört.
Bei 6 Alben und insgesamt 60 Liedern sind es die persönlichsten Momente, die für meine Begriffe herrausstechen. "Universal" wäre in jedem Fall zu nennen oder "The wonder", ein Lied was ich zuletzt unter dem erhellenden Eindruck des Vaterwerdens schrieb. Insgesamt funktionieren alle auf unseren Alben befindlichen Kompositionen für mich wie alte Photos. Man kramt sie hervor, erfreut sich der aufkommenden Erinnerungen und gedenkt der damit verbundenen Lebensphase.