
Ein Samurai in Strapsen
Seit einiger Zeit stellt sich mir mal wieder die Frage, ob es wirklich noch innovative Bands in der Metal-Szene gibt oder man sich doch lieber des Altbewährten bedient und vielleicht lediglich anhand neuer Produktionstechniken dem ganzen einen modernen Touch gibt. Zum Glück geraten einem hin und wieder Scheiben in die Hände die beweisen, dass es mit etwas gutem Willen und zwei, drei schief gewickelten Hirnwindungen doch noch geht, dem Hartwurstsektor neues Leben einzuhauchen. Dieses 'Erfolgserlebnis' stellte sich unweigerlich beim Genuss von 'Samurai' ein - dem mittlerweile fünften Full-Length-Streich der Apokalyptischen Reiter ....
Trotz einiger herzhaft-geiler Scheiben fristen die Reiter immer noch mehr oder weniger ein Underground-Dasein, doch immer mehr Bangfreudige stoßen nach und nach auf das kongeniale Material, dass in keine herkömmliche Schublade passt.
"Ich freu mich immer, dass es noch Leute gibt die uns nicht kennen, und wir wohl weiterhin viel zu tun haben um die Herzen derer zu erobern. Haha!"
kommentiert Gitarrist und Sänger Fuchs diese Tatsache.
Und um gerade für 'Neuankömmlinge' das Beste aus der Band rauszuholen, habt ihr heuer eure Arbeitsmethoden leicht geändert und seit zwecks Aufnahme des neuen Rundlings nach Dänemark gepilgert.
"Ja - Dänemark war einfach herrlich. Ich würde es mal einen ausgedehnten Arbeitsurlaub nennen. Wir wohnten inmitten traumhaftester Natur und hatten bloß 10 Minuten bis zum Strand. Dementsprechend gestaltete sich das Freizeitvergnügen. Wir unterhielten diverse Sportwettkämpfe - was die einheimische Bevölkerung sehr amüsierte -, grillten, machten Feuer, gingen baden und taten uns Kultur an, Romantik pur also. Den Höhepunkt unseres Aufenthaltes stellte allerdings Tue's (Madsen - Produzent von 'Samurai') Mottoparty dar, zu der die halbe dänische Szene anrückte. Man konnte als Hure, Hippie oder Zuhälter aufkreuzen. Mr. Madsen tauchte in Reizwäsche und Strapsen auf. Somit war er der Held des Abends. Dieses durchaus dekadente Ereignis gipfelte darin, dass sich am Ende mehr Menschen und Alkohol als Wasser im heimischen Pool befanden. Was den Aufnahmeprozess betrifft, so würde ich auch diesen als sehr entspannt bezeichnen. Tue integrierte sich dermaßen in die Band, dass ich irgendwann glaubte, er sei unser dritter Gitarrist. Wir kamen mit weniger Spuren aus, verzichteten auf jegliche Trigger und jede Note auf Samurai ist wirklich gespielt. Ich liebe diesen Sound. Er ist so unglaublich kraftvoll und hat dieses leichte Live-Feeling."
Hast Du einen persönlichen Favoriten auf 'Samurai'?
"Nein, alle Songs sind meine Babys. Das Leben schreibt die Lieder und so sind unsere Alben eine Art musikalisches Tagebuch. Wenn ich die Platte höre weiß ich genau, wie ich mich fühlte und habe 1000 Bilder im Kopf. 'Wahnsinn' zum Beispiel handelt von der geistigen und fleischlichen Vereinigung zweier Menschen und beschreibt ein wenig die Pforten zwischen Himmel und Hölle. 'Eruption' entstand wie ein Grossteil des Albums in Portugal. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist wirklich passiert. Zu diesem Song wird es auch ein Video geben. Mit 'Reitermaniacs' feiern wir uns und unsere Fans, ohne die wir ja nicht wären, was wir sind. Ist sozusagen ein musikalischer Blumenstrauß für alle die uns mögen und unterstützen."
Wie entstehen bei euch die Songs? Jammt ihr zusammen im Proberaum oder macht so was jeder für sich alleine?
"Das ist sehr unterschiedlich. Viel von 'Samurai' entstand auf Reisen, was für mich die größte Inspirationsquelle stellt. Dinge die passieren, Menschen die einen umgeben, eine Melodie die man aufschnappt, dies alles wird verarbeitet. Arrangiert wird meist im Proberaum, wo dann jeder seinen Senf dazugibt."
Was ist für Dich der größte/wichtigste Unterschied zu Euren letzten Alben?
"Zum einen der unglaublich massive Sound, zum anderen ist das Album bei aller Härte von positiv geladenen Energiefäden durchwoben. Wir sind bessere Instrumentalisten und die Lieder sind einfach besser komponiert."
Ihr habt ja ein breites Spektrum an Sounds auf dem Album. Was hört ihr privat, abgesehen von Metal,
noch?
"Ich höre alles. Gute Musik oder Musiker gibt es überall und wer nicht bereit ist die Scheuklappen abzulegen, dem entgeht etwas. Die Leute sollten versuchen ihre Realität zu erweitern, anstatt in einem Tunnelblick festzustecken."
Eure Pseudonyme geben ja manchem Fan immer noch Rätsel auf.
"Die Namen stammen teilweise noch aus Kindertagen und haben alle einen Hintergrund. Also lasst eure Phantasie mal ein bisschen spielen. Wer Lust hat, kann seine Deutungen ja auf www.reitermania.de veröffentlichen."
Um noch mal auf eure Vielseitigkeit zurückzukommen. Was hältst Du von Bands wie beispielsweise Running Wild oder AC/DC, die sich auf jedem Album quasi wiederholen?
"Es gibt wohl nur zwei Gründe, warum sich einige Bands nicht entwickeln. Zum einen muss das die Lebenssituation der betreffenden Personen sein, die sich nie zu ändern scheint und somit keine Inspiration darstellt. Oder andererseits, dass sie nicht den Mut haben, sich mal zwischen die Stühle zu setzen, um niemanden zu verschrecken. Auch Musiker müssen ihre Brötchen verdienen. So der Künstler zum Handwerker bzw. Dienstleister wird. AC/DC sollen aber bitte so bleiben wie sie sind."
Es wird für 'Samurai' auch wieder Videos geben - oder?
"Nun wir haben erst mal eins zu 'Eruption' gedreht - ein zweites wird aber folgen. Nuclear Blast bieten es zum freien Download an. Die Erstauflage von 'Samurai' kommt mit Bonus-DVD, die sechs Clips + Banddoku, die uns als Privatpersonen etwas beleuchtet, enthält: Von Volk-Man gibt es eine Kochshow, Sir G. ist der Karate-Tiger usw."
Was ist Deine Meinung dazu, wenn im nächsten Jahr bei Popstars eine Metalband gecastet werden würde? Schon die Ausrichtung der derzeitigen Kandidaten verläuft ja deutlich rockiger als in der Vergangenheit. Kannst Du solcher Retortengrütze was abgewinnen, selbst wenn es mit Metal zu tun hätte?
"Ich wüsste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte. Eine Band ohne Identität und austauschbar. Ralph Siegel würde wahrscheinlich die Musik schreiben und Dieter Bohlen den Text. Naja - müsste dann wohl doch lachen."
Zähl doch mal ein paar Alben auf, die der Metaller von heute unbedingt daheim stehen haben sollte...
"At the Gates - Slaugther Of The Soul; Manowar - Kings Of Metal; Impaled Nazarene - Urga Karma; Slayer - Reign In Blood; Grave Digger - Heavy Metal Breakdown; Die Apokalyptischen Reiter - All You Need Is Love"
Was ist das Beschissenste, was euch seit Bandgründung passiert ist?
"Oh da gibt es viel. Man macht als Musiker schon einiges mit. Das fängt bei Plattenfirmen die nicht zahlen an und hört bei einstürzenden Bühnen auf."
Und das Schönste?
"Die Fans, die Freude am musizieren, 2003 als unser erfolgreichstes Jahr. Wir spielten alle großen Festivals und zogen in die Charts ein."
Ich bin allerdings sicher, dass ihr spätestens 2005 noch einen drauf setzen könnt. Die Tour der Reiter beginnt übrigens bereits im November 2004 und wer die Band schon einmal live gesehen hat weiß, dass Langeweile hier keine Chance hat.
Hansy Heider/Peter Saam
DIE APOKALYPTISCHEN REITER Homepage
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