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MORA PROKAZA - Interview mit Sänger und Gitarrist Farmakon vom 06.07.2020

 

Das 2013 gründete Black Trap Duo MORA PROKAZA aus Weißrusslands Hauptstadt Minsk, hat sich mit seinem dritten full-length Album "By Chance" weit aus dem Fenster gelehnt. An Extravaganz, aber auch an Klasse kaum zu überbieten, ist der neue Release von Sänger, Gitarrist und Komponist Andrei "Farmakon" Shepelevich, sowie Schlagwerker Hatestorm sicherlich eine streitbare Veröffentlichung. Dem Grundprinzip Black Metal noch immer treu ergeben, hat man seinen Stilmix jedoch mit allerlei genrefremden Zutaten aus Electronica, Black Bass, Black Trap, Ambient Jazz, Scratches, Samples, sowie heimatverbundenen, folkloristischen Einsprengseln angereichert, daraus eine zündende Symbiose unterschiedlicher Klangwelten erschaffen und kann indes mit Fug und Recht einen unverkennbaren Wiedererkennungswert für sich beanspruchen. Braucht es da noch weitere Gründe für das Totentanz Magazin, erstmals in das Geschehen rund um MORA PROKAZA hineinzuschnuppern und sich bezüglich der New School/Avantgarde Black Metaller auf den neuesten Stand zu bringen? Ich glaube nicht! Der 1991 geborene Bandgründer Andrei "Farmakon" Shepelevich stand dann auch Rede und Antwort bezüglich meiner Fragen und gab mir einen ehrlichen, bisweilen gar erschreckenden Einblick in seine bisherigen Erlebnisse...

 

MORA PROKAZA - By ChanceTT: Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem dritten Output "By Chance". Es kommt nicht so oft vor, dass ich ein Album höre, das mich von Anfang an dermaßen fasziniert und bislang auch nicht mehr los lässt. Ich habe eure Videos bereits hunderte Male gesehen. Ich liebe diesen Scheiß ;-) Für diejenigen, die mit dir und deiner Band nicht vertraut sind. Kannst du uns bitte einen kleinen Überblick über das MORA PROKAZA Universum geben und würdest du eure ganz spezielle Art der Musik kurz beschreiben?

 

Farmakon: Vielen Dank für die positiven Worte bezüglich unserer Arbeit! Zunächst möchte ich allen Lesern "Hallo" sagen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich jemandem Musik beschreiben soll, ohne die Musik an sich. Schalte sie doch einfach ein und mach dir selbst ein Bild davon. Ich bin nicht in der Lage Mora Prokaza-Musik in Worten zu fassen. Wir sind keine Konzeptualisten. Ich kann ja auch den Geschmack einer Speise schlecht beschreiben, und selbst wenn ich es könnte, wäre das Ganze nur sehr vage. Im Endeffekt wird jeder den Geschmack auf seine eigene Weise interpretieren.

 

TT: Was bedeutet MORA PROKAZA? Eine Übersetzung bot mir "Meer der Lepra" an. Ist das richtig und warum hast du diesen Moniker gewählt, als du 2013 angefangen hast...hatte das einen besonderen Grund oder einfach nur, weil es gut geklungen hat und zur Musik passte?

 

Farmakon: Man, dieser Name steht noch immer bei mir zu Hause an der Wand. Ich kann mich echt noch gut an den Tag erinnern, an dem wir darauf gekommen sind. Ich habe den Namen mit einem großen, roten Stift an meine schwarze Wand gepinselt. Da steckt jetzt nicht wirklich ein Konzept dahinter. Wir haben einfach ein wenig mit Wörtern jongliert. Der Name sollte russisch, gleichzeitig aber auch ein wenig englisch klingen. Ja, das Wort "Mor" (мор) - "Pest/Seuche" bedeutet auch Meer als Mora (мора) und "Prokaza" (Проказа) - "Lepra". Das ist also eine Kombination aus Wort- und Gedankenspielen. Es hat somit eine vierfache Bedeutung, wie es auch im Russischen auf viele Arten verstanden werden kann. Weißt du, das ging eigentlich ziemlich schnell. Ich bin generell kein Freund von langen Entwicklungsprozessen eines Namens. "Oh man scheiße! Lass es einfach so!"

 

TT: "By Chance" ist ein guter Titel für solch ein außergewöhnliches Album. Erzähl mir die Geschichte dazu und warum ihr euch letztlich für diese moderne Richtung entschieden habt. Es gibt so viele verschiedene Instrumente auf dem Album, wie manische Gitarrenloops, echte, wie computergenerierte Drumworks, Oboe, Akkordeon, Keyboard, Mundharmonika, Saxophon, Tuba, Piano...Mit diesem Album habt ihr euch praktisch selbst neu erfunden! Wie seht ihr diese Aspekte?

 

FarmakonFarmakon: Nun, alles in dieser Welt beruht auf Zufall. Und es spielt dabei keine Rolle, ob es natürlich ist oder nicht. Von der Entstehung unseres Universums, bis hin zu zufälligen Schicksalsschlägen. Dieses Material wurde genau unter diesen Aspekten kreiert - ich fühle es auf diese Weise. Alles. Ja, wir sind auf dieses Album zugesteuert und wir sind gereift bevor wir es angegangen sind. Hier wurde nichts speziell erschaffen. "Oh, das wird cool!" - So kam alles ans Licht. Das ist die pure Freude.

 

TT: Auf dem Album hast du so ziemlich alles alleine gemacht, vom Schreiben, Singen, Gitarren einspielen, über Produzieren, Mischen und Mastern, außer dem Schlagzeug, das von Hatestorm eingehämmert wurde. Hast du ansonsten alle anderen Instrumente eingespielt, bzw. programmiert oder hattest du ein wenig Hilfe von außerhalb des Projekts?

 

Farmakon: Im Grunde haben wir alles selbst gemacht. Das ist das Grundprinzip der Musik eines Autors. Ich denke, das ist wichtig. Beim Scratchen haben wir etwas Hilfe bekommen - von unserem weißrussischen Graffiti-Untergrund (Serega, hallo!). Und mein enger Freund half mir beim finalen Engineering der Master-Tracks. Der ganze Rest ist ernsthafte Arbeit unserer alleinigen Urheberschaft.

 

TT: Wie sieht das eigentlich mit dem Gesang bei euch aus? Du bist der einzige Sänger, der aufgeführt ist, aber in den Videos singt ihr beide. Was ist jetzt richtig? Und warum kann MORA PROKAZA audiovisuell nur in Schwarzweiß existieren?

 

Farmakon: Das stimmt, es gibt nur einen Sänger in der Gruppe, aber wir waren uns schnell darüber einig dass es besser sei, die Videos so zu drehen als würden zwei Leute singen. Und warum das Ganze? Weil es cool ist, zusammenzuarbeiten. Deshalb ist eine Gruppe schließlich auch eine Gruppe. Auch was die Farbe in den Videos anbetrifft. Alles ist einfach gehalten. Im Moment will ich das einfach so.

 

TT: Seit Anfang letzten Jahres seid ihr bei Season Of Mist unter Vertrag und euer neuer Output ist der erste, den ihr über euer neues Label veröffentlicht. Erzähl mir wie es dazu kam und von der Arbeit mit SOM. Das muss sich fantastisch angefühlt haben, als ihr den Vertrag abgeschlossen hattet, oder?

 

MORA PROKAZAFarmakon: Im Prinzip hat sich nichts geändert. Wir machen unseren Job und das Label den seinen. Das Wichtigste, was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollte ist, dass das Label uns nicht vorschreibt, was wir tun oder lassen sollen. Großen Respekt. Zu behaupten, dass wir unbeschreiblich glücklich gewesen wären stimmt in dieser Form nicht. Es kam eben so, wie es kommen sollte. Vielleicht hätte ich mir vor 3 Jahren vor lauter Glück in die Hosen gepinkelt, aber jetzt kommt es mir vor wie ein neues Kapitel, neue Arbeit, neue Möglichkeiten, es ist das Ergebnis deiner Karriere. Ohne kindliche Freude. Die Hauptsache ist jedoch Musik zu schreiben! Selbst auf einer Insel zumindest mit einem Stock auf einen Baumstamm zu schlagen. Ich mach das für mich selbst, um den Schaffensprozess zu genießen. Aber mit solch einem Label zu arbeiten ist eine Erfahrung von unschätzbarem Wert. Michael (S. Berberian; Gründer des französischen Independent Labels Season Of Mist / Anm. d. Verf.) ist eine tolle Persönlichkeit, der die Künstler respektiert, ihnen nichts aufdiktiert und sich auch nicht in ihre Angelegenheiten einmischt. Für den Künstler sind dies die wichtigsten Aspekte.

 

TT: Wie würdest du deine Kindheit, deine Jugend und das Aufwachsen mit deiner Familie und deinen Freunden in und rund um Minsk beschreiben?

 

Farmakon: Ich wurde zur Zeit der Perestroika in Minsk geboren [die BSSR (Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik) war ein Teil der ehemaligen UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), dann kam die Unabhängigkeit und sie wurde zu Weißrussland]. Meine Kindheit war ehrlich gesagt beschissen, es gab kein Essen, es gab kein Spielzeug, es gab nichts. Um Spaß zu haben, gingen wir auf die Straße, ich spielte im Hof ​​des Hauses, in dessen Keller Drogenabhängige und Obdachlose lebten. Wir haben gebrauchte Spritzen und Pads gesammelt und damit gespielt. Wir haben gekämpft, Freunde gefunden, manchmal Autoscheiben eingeschlagen...wir haben viele Dinge gemacht. Meine Mutter hat endlos gearbeitet und ich wurde auf der Straße erzogen. Viele Jahre verbrachte ich meinen Sommer in Kinderlagern (postsowjetische Erholungslager mit postsowjetischer Disziplin, in denen Eltern ihre Kinder normalerweise weggaben, um sich von ihnen zu erholen. Außerdem war es billiger, ein Kind dort zu lassen, weil das Lager das Kind für einen geringen Betrag mit allem versorgte, was nötig war.) oder in einem Dorf, in dem man mich gänzlich alleine gelassen hat. Vielleicht liebe ich deshalb die Einsamkeit so sehr. Ich habe seit meiner Kindheit auf einer Baustelle gearbeitet, dann als Printmanager, dann als Koch, habe Autos gewaschen, Beton geladen, in einem Pfandhaus gearbeitet, im Allgemeinen ist das Leben nicht einfach. Ich habe eine 54-jährige Frau (sie war Rohrisolatorin von Beruf) im Alter von 15 Jahren in einer Umkleidekabine gefickt, dann eine stadtbekannte Alkoholikerin...Ich habe mit Schwulen, Rappern und Punks rumgehangen. Mit 16 Jahren brach ich die Schule ab und verließ das Haus meiner Eltern, kaufte ein Zimmer in dieser Gemeinschaftswohnung, in der es neben meinem noch fünf weitere Zimmer gibt. Dies ist ein separates Kapitel meines Lebens, denn da könnte man ein ganzes Buch drüber schreiben. Alkoholiker, Verlorene, Verrückte, Alte - das ist das Kontingent einer Gemeinschaftswohnung. Ich trug die Leiche meiner Nachbarin, die trank, dabei in den zerbrochenen Becher auf dem Boden fiel und in einer Blutlache starb, aus der Wohnung. Meine anderen Nachbarn sind Bruder und Schwester (nicht meine, sie waren miteinander verwandt), die es liebten, in der Küche zu ficken, wenn sie dachten, dass niemand zu Hause sei. Eine verrückte Frau im Nebenzimmer redet ständig mit sich selbst, lädt nicht existierende Gäste ein. Einmal hatte sie einen Hund da und sie bellte richtig glaubwürdig. Wie du dir sicherlich schon denken kannst, war da aber kein Hund. Ich habe einen bedeutenden Teil meines Lebens in dieser Wohnung verbracht, übrigens lebe ich noch immer dort. Dies ist das reale Leben, es existiert, aber viele Menschen wollen nichts davon hören. Das ist aber nun mal die Realität, so läuft das hier. Ich bin hier aufgewachsen.

 

TT: Du zeigst dich auf "By Chance" musikalisch vielseitig. Das Album hat einen experimentellen Ansatz und verwendet viele elektronische Elemente. Welche sind momentan deine musikalischen Faves und wer hat dich in der Vergangenheit am meisten beeinflusst?

 

Farmakon: Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich höre nicht sonderlich viel Musik. Seit kurzem bevorzuge ich die Klassiker Tschaikowsky, Wagner. Alles in allem kann ich mir alles anhören. Außer Metal. Metal höre ich mir schon lange nicht mehr an. Ist mir zu uninteressant geworden. Seit meiner Kindheit höre ich Hip-Hop, Black Metal und Klassik. Dieses Album - Das ist kein Experiment. Das ist meine heutige Vision von Musik, wie ich sie gerne sehen möchte. Manchmal frustriert einen die Musik, verstehst du? Und dann fängst du an zu kapieren - du kannst doch selbst erschaffen was du willst. Darum liebe ich die Musik. Es ist mir egal, wer etwas darüber sagt und was darüber gesagt wird - ich liebe es. Meine Liebe zu meiner Musik ist stärker als jede Meinung darüber.

 

TT: Die deutsche Ausgabe des Rock Hard (hier Wolfgang Liu Kuhn) wählte "By Chance" mit nur 3 von 10 Punkten zur Arschbombe des Monats. Unter anderem schrieb er: "...die Band wählt mit ihrem dritten Album gewiss einen originellen Ansatz - am Stück anhören kann man sich das trotzdem nicht." Wie denkst du über eine solche Wertung und wie kannst du sie dir erklären? Was würdest du dem Autor sagen?

 

HatestormFarmakon: Ich glaube, ich habe diese Frage oben bereits beantwortet. Es interessiert mich herzlich wenig, was er geschrieben und wie viele Punkte er vergeben hat. Ich bin nicht in der Schule, nicht an der Universität, an der deine Hausaufgaben bewertet werden. Er wird meine Vision von Musik niemals beeinflussen können. Er hat jedes Recht seine Meinung zu äußern, das respektiere ich. Aber ist das tatsächlich wichtig für mich? Natürlich nicht.

 

TT: Ihr werdet im Allgemeinen sehr kontrovers betrachtet, was auch für eure Video-Votings auf YouTube gilt. Was denkst du, ist der Grund dafür?

 

Farmakon: Die Leute lieben es den Arsch gepudert zu bekommen. Man, der einfachste Weg ist natürlich ein Album zu schreiben, dass jeder direkt mag. Heutzutage ist ziemlich offensichtlich wie man ein Album schreiben muss, das ohne Widersprüche aufgesaugt wird. Und das ist sowas von langweilig! Ich stehe lieber dafür ein, die Komfortzone zu verlassen, ich bin für Revolution. Jeder, der das nicht mag - soll sich verpissen. Die gehören nicht zu unseren Leuten, sie sind keine Gleichgesinnten. Geh und hör weiter deinen abgegriffenen Metal, der macht mich so krank, das klingt alles irgendwie gleich und monoton. Und für diejenigen, die unsere neue Musik mögen - hallo! Ich umarme euch und liebe euch. Wir gehören alle zur Mora Prokaza Crew. Wir machen weiter!

 

TT: Wird es in absehbarer Zeit eine Europatour mit euch geben und ist nach der ganzen Corona-Scheiße bereits etwas in Planung?

 

Farmakon: Ohhh ja! Da kannst du einen drauf lassen! Wir sind momentan in den Vorbereitungen. Zurzeit arbeiten wir mit einem ziemlich coolen Booking, also...Es bleibt abzuwarten. Du wirst es dann schon sehen!

 

TT: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Ich wünsche dir alles Gute und viel Erfolg! Die letzten Worte dieses Interviews sollen die deinen sein...

 

Farmakon: Ich möchte mich auch bei dir bedanken. Meine Worte werden die Folgenden sein - glaub immer an das was du liebst, kämpfe dafür und hör auf niemand anderen. Betrüg dich nicht selbst.

 

(Janko)

 

http://moraprokaza.com/

https://www.facebook.com/moraprokaza

 

 

Taucht ein in das schwarze Meer der Lepra:

 

Check It:

https://youtu.be/0qbEtiuTJjw

 

WIMG:

https://youtu.be/2R8ddImZBQI

 

Im Not Yours:

https://youtu.be/ajcYGV09fqk

 

Blacker than Black:

https://youtu.be/rqFtqV5qb80


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