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LINDEMANN - F & MLINDEMANN - F & M
(Vertigo Berlin)

Das deutsch/schwedische Zwei-Mann-Projekt LINDEMANN, welches seit 2015 aus Namensgeber Till Lindemann (seines Zeichens Fronter der deutschen NDH-Vorreiter RAMMSTEIN) und Sänger, Multiinstrumentalist und Produzenten-Gott Peter Tägtgren (eigentlich Alf Peter Tägtgren / HYPOCRISY, PAIN, ex-LOCK UP, ex-BLOODBATH) besteht, geht mit seinem neuesten Output "F & M" in die zweite Runde. Diese läutet dann auch die Abkehr vom politisch unkorrekten bis perversen Textgut in englischer Sprache ein, wie es noch auf dem Vorgänger "Skills In Pills" zelebriert wurde. Die, in metaphorische Textkleider gehüllten Songs auf "F & M", was schlicht und einfach Frau & Mann bedeutet, sind jetzt politisch nicht wesentlich korrekter geworden, aber eben doch vollkommen anders aufgebaut. Fünf der neuen Songs entstammen nämlich einer Zusammenarbeit Till Lindemanns mit dem Hamburger Thalia Theater, welches unter seiner Zuhilfenahme eine moderne Interpretation des Gebrüder-Grimm Märchens "Hänsel & Gretel" aufführte. Hierin wurden die Thematiken Angst, Hoffnung, Armut, Überfluss, Kannibalismus und Tod verarbeitet. Dem Ganzen wurden sechs weitere Songs hinzugefügt und fertig war LINDEMANN 2.0!
 
Dennoch ist "F & M" durchaus provokant, denn Provokationen, die liebt er ja, der extrovertierte Herr Lindemann. Wer sich die unzensierte Version des Videos zum fünften Track "Knebel" reingezogen hat, weiß wohl was ich meine (die zensierte Version des Videos ist weiter unten zu sehen). Mit der unverkennbaren Klangfarbe des charismatischen und extraordinären RAMMSTEIN-Frontmanns Till Lindemann, welche die Mikromembran mal streichelt, mal peitscht, mal liebkost, mal quält, mal ansäuselt, mal anschreit, kann allerdings auch eigentlich gar nichts mehr schiefgehen. Obschon dieses Mal ausschließlich in deutsche Sprache getaucht, werden exhibitionistische Themen über Sexismus und Perversität weiter in den Hintergrund gedrängt und metaphorisch einfach besser verpackt. Till schert sich allerdings einen Dreck um Konventionen oder Dogmen und das, was andere Leute von ihm verlangen oder über ihn und seine Musik denken. So findet sich auf der Special Hardcover Book Edition zu "F & M" beispielsweise der zugegebenermaßen für Metaller eher gewöhnungsbedürftige Bonus Track "Mathematik" (in der Normalversion), der bereits am 18.12.2018 veröffentlicht wurde. Eine Nummer mit zweifelhafter Aussage und einem düsteren Hip-Hop-Beat, die ganz klar aus der Reihe tanzt. Hier werden die Meinungen besonders weit auseinandergehen. Als zweiten Bonustrack gegenüber der etwas über 43 Minuten rotierenden Normalversion beinhaltet die knapp sieben Minuten längere Special Edition zusätzlich noch die gelungene PAIN Version zum siebten Track "Ach so gern".


Auch musikalisch hat man einem gewissen Minimalismus oder Einbahnstraßen-Metal, wie er noch auf dem hervorragenden Vorgänger "Skills In Pills" zum Besten gegeben wurde, den Rücken gekehrt und ist ein Stück weit komplexer oder zumindest differenzierter und vielschichtiger geworden. Nach wie vor beschreitet das Duo jedoch die Industrial/Metal/Rock/Alternative/NDH Schiene, die sich aus ihrem stilistischen Konglomerat immer wieder neu erfindet und individuell zusammensetzt. © LINDEMANNModerne, oftmals vordergründige und Synth-gestützte Industrial Sounds, die man von PAIN her kennt, hartes, dynamisches Industrial Drumplay, energische Gitarren, eingängige Melodiebögen, abwechslungsreiche Arrangements und many, many Hookline-Candies. Es gibt sie aber nach wie vor, die einfach strukturierten Songs wie die drei aufeinanderfolgenden Tracks "Steh auf", das darauffolgende, zugegebenermaßen ziemlich coole "Ich weiß es nicht", die poppig anmutende Nummer über Völlerei "Allesfresser" oder auch "Gummi". Es gilt daneben aber auch einfühlsame, balladeske Anklänge, wie beim überragenden "Blut", dem, mit Pianoklängen untermalten "Schlaf ein", dem melancholischen "Wer weiß das schon" oder der ersten Hälfte zu "Knebel" zu vernehmen. Die bildgewaltigen, oftmals von extremen Gefühlen oder unbegreiflichen Geschehnissen geleiteten Texte des Wahl-Berliners Till Lindemann und der passend umgarnende Sound des, aus dem kleinen schwedischen Örtchen Pärlby in der Gemeinde Ludvika stammenden Klang-Philosophen Peter Tägtgren, passen zusammen wie Frau & Mann oder eben "F & M". Die SM-Nummer "Knebel" hingegen spielt zu Beginn mit Akustikgitarre im Western-, bzw. Lagerfeuerstyle, bis die Halbballade, im weiteren Verlauf völlig außer Kontrolle gerät, wie so manche zwischenmenschliche Beziehung heutzutage. Kontrovers, kontroverser, LINDEMANN! Gewalt-Fantasien, Leid, Gier, Hass, Demütigung, aber auch unerfüllte Wünsche und abartige Zwänge, eingebettet in musikalischer Extravaganz. Das sind LINDEMANN anno 2019! Tills morbide, schwarzromantische Dichtkunst schmiegt sich dabei grobschlächtig an euphonische Dissonanzen, aus harten, schranzigen Industrial Riffs, ausufernden symphonischen Piano- oder Keyboardpassagen und mal hämmernder, mal vor sich hin plätschernder Schlagzeugarbeit.

 

Das Niveau nimmt ab der zweiten Hälfte des Albums aber leider rapide ab. So kann ich mit den direkt aufeinanderfolgenden Tracks "Ach so gern" (welches in der PAIN Version wesentlich besser rüberkommt) und "Schlaf ein", sowie dem New Wave Sound unterlegten "Platz Eins" leider mal so gar nichts anfangen. Das dazwischenliegende "Gummi" ist zwar kein schlechter Song, aber für die hohen Erwartungen, die man an RAMMPAIN legt, ist das sicherlich zu wenig. Und so wünsche mir an dieser Stelle die minimalistischen Glanztaten und lustigen Textspielereien von "Skills In Pills" zurück. Es klingen auch nur die Hälfte der Songs danach, als habe Peter Tägtgren daran überhaupt Teil gehabt!?! Bergauf geht es dann erst wieder mit der symphonischen Komposition "Wer weiß das schon". Man kann "F & M" jedenfalls bescheinigen, dass es ein zwar sehr durchwachsenes, jedoch kein schlechtes Album mit vielen Höhen, aber auch vielen Tiefen geworden ist. Es sind natürlich auch hier keine musikalischen Großtaten zu erwarten, dafür aber zum Teil Songs, die durchaus unter die Haut gehen, sofort zünden und definitiv funktionieren. Wer auf RAMMSTEIN steht, wird selbstredend auch LINDEMANN lieben, mir persönlich hat das Debüt "Skills In Pills" aber schon alleine aufgrund oder gerade wegen seiner Einfachheit und der Abgrenzung zu RAMMSTEIN durch die englische Sprache, einen Tacken besser gefallen. Aber es steht wohl völlig außer Frage, dass auch "F & M" die weltweiten Charts erobern, sowie hier und da Gold- oder gar Platinstatus erreichen wird. Kennengelernt haben sich die beiden Ausnahmemusiker Till und Peter übrigens, als Till um die Jahrtausendwende mit Bandkollege Christian „Flake“ Lorenz in Schweden unterwegs war. Peter, der sich zufällig vor Ort aufhielt, verhinderte eine Schlägerei mit ein paar Bikern, in die sich Till und Flake beinahe hinein bugsiert hätten. Man verstand sich gut, Peter lud die beiden anschließend zu sich nach Hause ein und man besiegelte eine zukünftige Zusammenarbeit, die mit dem Projekt LINDEMANN im Jahre 2015 in die Tat umgesetzt wurde. Im Februar/März 2020 begeben sich LINDEMANN auf ausgedehnte Europa-Rundreise, um ihr neuestes Werk "F & M" mit den Fans vor Ort abzufeiern.

(Janko)
 
http://www.lindemann.band
https://www.facebook.com/Lindemann/

 

 

Hier checkt ihr die neuesten LINDEMANN Videos:

Steh auf:
https://youtu.be/hiOjK992bPU
 
Ich weiß es nicht:
https://youtu.be/obY4c9aqUqs
 
Knebel:
https://youtu.be/p64X_5GX0J8
 
Mathematik (feat. HAFTBEFEHL):
https://youtu.be/0YEZiDtnbdA


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